Paris, sagt man, ist immer eine Reise wert. Warum wohl? Wegen seiner quirligen Lebendigkeit? Seiner monumentalen Bauten? Wegen seiner vielen Museen mit ihren unschätzbaren Werten an Exponaten? Wegen der Begegnung mit Künstlern, die genau das gelebt haben, was in unserer modernen Welt zu schwinden scheint: nämlich, die sich selbst gesucht und gefunden haben, ihr individuelles Gleichgewicht, die Kohärenz ihrer Persönlichkeit?
Im Gegensatz zu diesen Künstlerpersönlichkeiten treffen wir immer häufiger auf Menschen mit den Symptomen eines BurnOut, einer Krankheit, die ganz besonders unsere „ Besten“, nämlich die besonders engagierten und sensiblen Menschen betrifft, die sich bis zum Verlust ihrer Selbst verausgaben.
Wo kann Martin Straube diesen Gegensatz deutlicher präsent machen als in Paris, einer Stadt, in der das Leben pulsiert bis zur Erschöpfung; einer Stadt, die Künstler angezogen und zum Schaffen angeregt hat, die mutig ihren eigenen Weg zu sich selbst gegangen sind in der Auseinandersetzung mit dem Herkömmlichen, weit voraus ahnend das Problem der modernen Menschen. Er hat uns an Hand von Bildern ganz unterschiedlicher Impressionisten gezeigt, wie diese seismographisch die Entwicklung voraus gesehen haben. Die Kunst wird säkularisiert, weicht von alten Idealen ab. Sie gibt Abgrenzung und Stabilität auf, Formen werden immer einfacher, sie werden aufgelöst, bis Hintergrund und Form miteinander verschmelzen, Sichtweisen entfesseln sich.
Wie sieht die Konstitution des modernen Menschen aus?
Das beinhaltet die Frage nach seiner Identität (Ich), seiner Diversität (Empfindung), Integrität (Aufbau) und seiner Stabilität (physische Organisation). Beim an BurnOut erkrankten Menschen können wir eine Veränderung von Denken, Fühlen und Wollen beobachten. Sie driften auseinander. Es findet eine Verselbstständigung und Lockerung der Wesensglieder statt, bei der mindestens ein Wesensglied die Oberhand gewinnt. Dadurch verengt sich sein Blick und seine Sichtweise. Der Kranke schwächt seine konstitutionelle Individualität. Dabei spielt der Stress eine wesentliche Rolle. Dazu gehören leibliche Ursachen wie Hunger, Durst und Verletzung, vitale Ursachen wie chronische Entzündungen, Überanstrengung, seelische Ursachen wie chronische Konflikte, und nicht zuletzt spielt die chronische Sinnfrage eine wichtige Rolle.
Voraussetzungen für ein BurnOut sind:
sich nicht absetzen können und nicht nein sagen können,
sich mehr vornehmen als man leisten kann,
Eigenbefindlichkeit nicht ernst nehmen, sondern als Egoismus abqualifizieren,
das ständige Gefühl, nicht zu genügen
und eine Opferrolle einnehmen.
Besonders gefährdet sind Menschen mit einem „Helfersyndrom“, mit Ehrgeiz und mit besonderem Engagement,
Menschen, die Zweifel am Sinn ihrer Arbeit haben und wenig Bestätigung finden, Enttäuschungen hinnehmen müssen und keine Gestaltungsmöglichkeiten haben. Identität ist eine Summe aus Selbstwert, Bestätigung und Gestaltungsmöglichkeit.
Identitätsverleugnung ist das Grundphänomen von BurnOut,
Reflexion ein wichtiger, erster Schritt auf dem Weg aus der BurnOut-Falle.
Dazu gehört Mut, Mut, den die Künstler des Impressionismus bewiesen haben.
Bärbel Skudelny 20. Oktober 2010




