Wer die Apotheke an der Hohenheimer Straße in Stuttgart betritt, erlebt einen hei
lsamen Schock: So schön hat man früher Ladenlokale eingerichtet? Oh ja! Denn als die Stitzenburg-Apotheke 1901 eröffnet wurde, war gerade Jugendstilzeit. Und der Apotheker Albert Wünsch ließ es sich nicht nehmen, seine Offizin* – vom Mosaik des Terrazzobodens bis zur eichenen Kassettendecke – im Sinne dieser «Art Nouveau» vollendet geschmackvoll gestalten zu lassen. Und weil, anders als fast überall sonst, die nachfolgenden Besitzergenerationen den immer unpraktischer werdenden «Plunder» offensichtlich genauso liebten (und sogar unter Denkmalschutz stellen ließen), gibt es dieses «lebendige Museum» auch heute noch.
Doch treten wir zunächst einen Schritt zurück und navigieren ein wenig im Umfeld. «Apotheke» – ist das nicht der Ort, an dem, unter nüchtern-bürgerlicher Oberfläche, ein stabiler goldener Boden versteckt ist? Fremdbesitzverbot,** Krankenkassen, die brav zahlen, was der Arzt verordnet, und vor allem die sprichwörtlichen Apotheken(fest)preise … Wer einmal in diesem Geschäft ist, hat seine Schäfchen im Trocknen.Wirklich? Nach Blüm, Seehofer und Schmidt, nach allerlei Reformen und Liberalisierungen ist die ungleiche Koalition von «freiem Markt» und staatlicher Einsparungspolitik weit in diese traditionelle Schutzzone vorgedrungen. Inzwischen sind vier Apotheken je Apotheker erlaubt, der Internetversand blüht und die Arzneimittel-Sortimen
te des Einzelhandels weiten sich aus. Und es droht noch Schlimmeres, wenn der Europäische Gerichtshof im September erneut über die Aufhebung des Fremdbesitzverbots verhandelt. Das mag man gut oder schlecht finden, begründet oder unsinnig – aufhalten wird man es nicht. Schon gar nicht der einzelne Apotheker. Der hat sich, wie alle, deren (wirtschaftliche) Existenz per Gesetz oder Verordnung in neue Bahnen gedrängt wird, damit abzufinden. Oder in geeigneter Weise darauf zu reagieren.
Und die Apotheker reagieren tatsächlich. Mischen im Internetversand mit. Bauen, wenn sie mutig sind, finanzielle Mittel, Bankkredite, eine günstige Lauflage oder alles zusammen haben, ihren Laden zu einem schicken, vollautomatisierten Gesundheits- und Wellnesscenter aus. Verkaufen – vom Blutdruckmessen bis zum Zuckertest – arztnahe Dienstleistungen oder – von der Entspannungs-CD bis zum Kajalstift – Drogistenwaren, die nur noch entfernt an das klassische Apothekensortiment erinnern. Oder sie kehren, wie Sabine Kettemann, zurück zu den Wurzeln ihres Metiers.
Als die heutige Inha
berin der Stitzenburg-Apotheke nach einer Töpferlehre ihr Pharmaziestudium begann, wartete keine elterliche Apotheke darauf, eines Tages von ihr übernommen zu werden. Der dunkle Drang zur geheimnisvollen Welt der Pflanzen und das unmittelbare Vergnügen am Mischen und Vermengen – nicht nur von Töpferton und Glasurfarben – halfen ihr, sich über das abstrakte und verschulte Studium hinaus hinter die Verkaufstresen der Stuttgarter Apotheken zu retten. Dabei waren ihre Fragen an die heutige Medizin schon sehr früh größer, als die Antworten, die sie bekam. Nur in den universitären Vorlesungen über Klassische Homöopathie klang etwas anderes an – auch später, während der Fortbildungsseminare der Weleda und WALA. «Das war wirklich interessant und spannend. Aber irgendwie blieb die Materie für mich zunächst abstrakt. Es fehlte noch etwas.»
Was fehlte, wurde Sabine Kettemann erst klar, als sie, nach vielen glücklichen Fügungen, hinter ihrem eigenen Jugendstil-verkaufstresen an der Hohenheimer Straße stand. «Es gab dort gleich nebenan einen anthroposophisch arbeitenden Arzt. Jetzt
standen auf einmal jeden Tag Menschen vor mir, auf deren Rezepten diese Art von Heilmitteln standen.» Was vorher abstrakt und theoretisch blieb, wurde nun konkret. «Ich bekam jetzt durch meine Kunden mit, wie anthroposophische Medikamente tatsäch-
lich wirkten, welcheVeränderungen sie auslösten und wie der Arzt damit umging. Er sagte seinen Patienten nicht: ‹Nehmen Sie das ein und es wird Ihnen besser gehen.› Stattdessen ließ er die Heilmittel für sich selber sprechen. ‹Nicht missionieren!›, hat er
immer gesagt. Er wollte seine Patienten nicht mit Weltanschauung ‹vollkleistern›, auch wenn sein Können ganz auf dem Boden dieser Erkenntnis gewachsen war.»
Die junge Apothekerin hält auf einmal das Ende eines Fadens in der Hand, der sie immer tiefer in die weite Landschaft einer «anderen Medizin» führt. Aber noch immer fehlt etwas, denn die Seminarleiter der Kurse für Anthroposophische Medizin an der Eugen-Kolisko-Akademie in Filderstadt sind mit wenigen Ausnahmen Ärzte und damit, was die typischen Fragen und Nöte der Apotheker betrifft, Outsider.
Erst als Sabine Kettemann den kurz zuvor gegründeten Verein GAPiD kennenlernt, werden ihre Bemühungen um eine «andere Apotheke» rund. Denn bei der Gesellschaft Anthroposophischer Apotheker in Deutschland kommen Menschen zusammen, die nicht
nur gleiche Ziele, sondern auch gleiche Probleme haben und daran gemeinsam arbeiten wollen. «Es war erstaunlich, wie viele Kollegen, bei aller Verschiedenheit der Biografie und Denkweise, ihre Arbeit in der Offizinapotheke ähnlich empfunden haben wie
man selbst. Zum ersten Mal wurde man verstanden!»
«Eigentlich ist es erstaunlich, dass es noch immer solche engagierten Apotheker gibt wie Frau Kettemann!» Das sagt einer, der es wissen muss: Dr. Manfred Kohlhase, ehemaliger Geschäftsleiter bei der Weleda, Deutschlands größtem Hersteller für Anthroposophische Heilmittel, jetzt verantwortlich für Verbandsarbeit, Aus- und Fortbildung und außerdem der Begründer und Vorsitzende der Gesellschaft Anthroposophischer Apotheker in Deutschland. «Die Situation vieler Apotheker ist heute noch bedenklicher als zu der Zeit, als wir GAPiD ins Leben gerufen haben. Wer nicht gerade eine der großen, marketing- und ertragsstarken Apotheken besitzt, steckt mehr denn je in einer wirtschaftlichen Zwangslage. Die Erträge gehen zurück, approbiertes Personal wird immer weiter abgebaut, bis am Ende der Apotheker selbst rund um die Uhr bedienen muss. Wir merken das an der Weiterbildung. Immer häufiger heißt es: ‹Nur am Wochenende und bloß nicht zwei Tage!› Ich kenne Apotheker, die seit mehr als drei Jahren keinen Urlaub mehr gemacht haben.»
Wo das hinführt? Der GAPiD-Gründer sieht die Offizin am Scheideweg. Spätestens dann, wenn die Apothekenketten den Markt erobern, werden etliche der zurzeit etwa 21.000 Apotheken keine Existenzgrundlage mehr haben.
«Übrig bleiben dann nur noch Apotheken mit guten Standorten und guten Konzepten. Eines davon könnte die ‹Naturheilapotheke› sein. Als freier Zusammenschluss gut ausgebildeter Apotheker mit hoher Beratungskompetenz und der Fähigkeit zur individualisierten Arzneimittelherstellung.»
«Individualisierte Arzneimittelherstellung»? Was damit gemeint sein kann, erfährt der Reporter einige Kilometer weiter in der Praxis des Internisten Dr. Ludger Simon. Der weit über die Region hinaus bekannte Rheumaspezialist sieht die moderne Medizin und Pharmazie vor nie gekannten Herausforderungen. «Krankheiten werden immer früher veranlagt. Noch bevor der kindliche Organismus ausreifen kann, wird er etwa durch Schulzeitverkürzung und der damit verbundenen einseitigen intellektuellen Belastung im Nerven-Sinnes-System geschwächt. Man kann die Kindheit nicht ungestraft verkürzen!»
Die Erklärungen des Internisten führen ins Zentrum eines alten, erbitterten Streits. Was hilft? Allopathie oder Homöopathie? Schulmedizin oder Naturheilkunde? Der grobe Stoff oder unsichtbare «Kräfte»? Während der Reporter, der zugleich Gärtner ist, den umfassenden und klugen Ausführungen des Arztes folgt, entsteht eine Art Sinnbild vor seinem inneren Auge. Der kranke Organismus erscheint wie ein aus dem Gleichgewicht geratenes ökologisches System. Während der Allopath Bagger, Radlader und Motorsäge in Bewegung setzt, um Unerwünschtes zu eliminieren, erkennt der Homöopath in dem chaotischen Durcheinander einen verwilderten Garten, macht sich auf die Suche nach dem Gärtner, gibt ihm geeignete Werkzeuge an die Hand und bietet, wo immer es geht, «Hilfe zur Selbsthilfe!» an.
Und so führt Dr. Ludger Simon aus: «Wir dürfen den Organismus nicht überfahren mit Stoffen, die einfach etwas mit ihm machen. Stattdessen müssen wir ihm durch die nach anthroposophisch-pharmazeutischen Kriterien aufbereitete Heilsubstanz zeigen: So kannst du deine Selbstheilungskräfte entwickeln und stärken. Natürlich gibt es den medizinischen ‹Notfall›, in dem der anthroposophisch arbeitende Arzt, der ja immer auch gelernter Schulmediziner ist, zum allopathischen Mittel grei-
fen muss.Wer aber nicht nur retten, sondern heilen will, kommt an dem ‹inneren Heiler› nicht vorbei.» Und weil dieser «innere Heiler» («der Gärtner»!) den gleichen Weg der Individualisierung gegangen ist wie die Gesellschaft als Ganzes und jeder einzelne Mensch, kommt auch der anthroposophisch arbeitende Arzt mit einigen wenigen «Patent-Rezepten» nicht mehr aus. «Wir brauchen den Apotheker heute dringender denn je. Individuell gefertigte Heilmittel für den einzelnen Patienten,
neue Wirkstoffkompositionen, manufakturiell hergestellte Salben und Tinkturen. Der Apotheker – in Ergänzung zur anthroposophisch-pharmazeutischen Groß-Produktion – kehrt zu dem zurück, was bis vor hundert Jahren sein tägliches Brot gewesen ist.»
In der Stitzenburg-Apotheke ist man in dieser Zukunft bereits angekommen. «Das ist wirklich erfreulich: Ich fordere ein Heilmittel an und bekomme es handwerklich solide hergestellt.» Überhaupt findet der Beobachter bei Sabine Kettemann sehr viel gutes Handwerk, insbesondere dort, wo andernorts häufig «gehuscht und gepfuscht» wird – in der Beratung. «Ich möchte den Kunden mit allen meinen Sinnen wahrnehmen und stelle ihm meine Kompetenz zur Verfügung. Ich frage und informiere, berate und empfehle, genau in dem Maße, wie der einzelne Patient es zulässt. In diesem Sinne ist der Apotheker eine Art Advokat des mündigen, freien Patienten. Denn nur der entscheidet, Sinne ist der Apotheker eine Art Awelche Medizin ihm helfen soll.»
Erschienen als Reportage in der Zeitschrift a tempo, Ausgabe 05|2009
* Als «Offizin» wird seit dem Mittelalter eine Werkstatt mit angeschlossenem Verkaufsraum bezeichnet.
Heute dient der Begriff hauptsächlich zur Abgrenzung von den industriellen Herstellerunternehmen.
** Bis vor wenigen Jahren galt i.d.R. das Prinzip: eine Apotheke pro Apotheker. Seither bewegen wir uns
scheinbar unaufhaltsam auf die Apotheken-Ketten zu.




